Raum wird Klang

Chorkonzert: Das Vocalensemble Darmstadt singt in St. Ludwig Werke von Victoria

DARMSTADT. Den Namen des Komponisten Palestrina hat man bestimmt schon einmal gehört. Doch sein spanischer Zeitgenosse Tomás Luis de Victoria dürfte für die meisten Zuhörer kaum bekannt sein. Ihn mit Palestrina in Verbindung zu bringen, kommt nicht von ungefähr. Hat er doch während seines Studiums in Rom Werke des päpstlichen Hauskomponisten kennen gelernt und dessen Stil derart adaptiert, dass Kollegen Victoria hämisch als Palestrinas Affen bezeichneten. Tatsächlich hat der Spanier Palestrinas Stil nachgeahmt und sich zu eigen gemacht, in der Art der Ausgewogenheit von Einzelstimmen und Zusammenklang. Alles ist hier in der Balance wie bei Palestrina.

Und diese Art der kompositorischen Gestaltung Note gegen Note lässt sich in der Darmstädter Kuppelkirche St. Ludwig besser realisieren als etwa die in den Stimmen äußerst ausdifferenzierte Vokalpolyphonie Bachs. Der Raum wird hier zum Klang, und das famose Vocalensemble Darmstadt unter der Leitung von Andreas Boltz bezieht die Wirkung des Kirchenraums mit ein, wenn der Chor am Pfingstmontag singend mit Victorias „Te Deum“ den Raum betritt zu den schreitenden Tonfiguren der tragenden Melodie und genau so wieder die Kirche verlässt.

Dazwischen formiert sich das Vocalensemble, sekundiert von Orgelpositiv und Orgelportativ sowie von historischer Tenor- und Bassposaune, in Victorias Messe „Laetatus sum“ und der entsprechenden Psalmmotette sowie im „Magnificat sexti toni“ zu einer dreichörigen Gruppe, die mal singend die Plätze wechselt, sich im Raum einzeln verteilt oder mal von der Treppenbrüstung das „Sanctus“ singt. Boltz hat das alles feinstens aufeinander abgestimmt und führt seinen Chor sicher durch die kniffligsten Klangräume. Faszinierend, wie konzentriert und klanglich rein und ausgewogen das Vocalensemble intoniert, den Wechsel vom Vierer- zum Dreiermetrum fließend zustande bringt – dank des ruhigen und umsichtigen Taktierens seines Dirigenten. All das kommt der weichen, geradezu lyrischen Melodiegebung Victorias entgegen, in dessen „Magnificat“ wie im „Agnus Dei“ der Messe sich eine gewisse Subjektivität im Ausdruck bemerkbar macht.

Zu dieser alten, ausbalancierten Renaissance-Musik, die den Raum mit Klang erfüllt, wie einst der Heilige Geist die frühe Christengemeinde, erklingt dazwischen Orgelmusik aus dem 20. Jahrhundert – ein herber Kontrast zwar, dennoch packend in den klanglichen Wucherungen des Finales aus Petr Ebens „Sonntagsmusik“ und Maurice Duruflés Variationen „Adagio et Choral varié“ über den Pfingsthymnus „Veni Creator Spiritus“. Der Organist Thomas Pauschert lässt hier die Gegensätze wild und laut aufeinanderprallen, so dass man als Zuhörer unter dieser Beschallung förmlich in Deckung gehen möchte.

Am Ende gab es in der gut besuchten Kirche langen und begeisterten Beifall für ein außerordentliches Chorkonzert.

Das Konzert mit dem Vocalensemble Darmstadt wird am kommenden Sonntag 11. Juni um 18 Uhr in St. Peter und Paul in Dieburg wiederholt, ein drittes Mal am Sonntag 2. Juli um 17 Uhr in St. Michael in Nieder-Ramstadt.

Heinz Zietsch
7.6.2006